Was können Blogger von Journalisten lernen?

Verschiedene Dinge – die Frage ist aber auch, ob Blogger überhaupt von Journalisten lernen sollten oder gar müssen. Viele Blogger sind ja sehr erfolgreich, und ich denke, dass der Erfolg eben etwas damit zu tun hat, dass sie gerade nicht wie Journalisten denken oder schreiben. Journalismus bedeutet im Grunde immer Ausgleich. Also Aufklärung, beide Seiten zu Wort kommen lassen, neutrales Berichten, sich nicht mit der Sache gemein machen.

Doch gerade die subjektive Sichtweise ist ja oft die Grundlage für den Erfolg vieler Blogs: Manche Blogger bedienen eine bestimmte Haltung zum Thema. Nehmen wir einen der bekanntesten Blogger, Sascha Lobo. Er positioniert sich klar als Befürworter von Digitalisierung. Was okay ist, schließlich gibt es auch Fachjournalisten, die sozusagen bekenntnisorientiert arbeiten, etwa im Sportbereich. Mir persönlich ist das aber bei vielen Blogs, auch bei Sascha Lobo, etwas zu nah an der Materie selbst. Ganz unabhängig von der sehr profunden Fachkenntnis und der Analysefähigkeit, die Menschen wie Lobo an den Tag legen und für die ich sie auch bewundere.

Dennoch habe ich bei vielen Bloggern und auch Fachjournalisten oft das Gefühl, dass diese mich überzeugen wollen. Und da hört für mich der Journalismus auf. Ich finde, Journalisten sollten sich nicht mit ihrem Gegenstand der Berichterstattung gemein machen.

Auf der anderen Seite gibt es ja viele, die der Meinung sind, die Grenzen zwischen Journalisten und Bloggern verwische immer mehr. Das stimmt auf eine gewisse Art, denn Blogger sind inzwischen schon oft sehr professionell und Journalisten bloggen auch immer öfter. Trotzdem lassen manche Blogs journalistische Standards vermissen, wie etwa die Trennung von Tatsachenbehauptung und Meinung. Das gehört zum journalistischen Kodex – und den lassen manche Blogs zum Teil vermissen. Welche Blogs kennzeichnen beispielsweise bearbeitete Bilder? Wie viele Blogs nutzen echte Quellen, rufen Informanten an, sprechen mit Betroffenen und zitieren diese? Journalisten stimmen auch ihre Texte nicht mit den Informanten oder Quellen ab, das höchste der Gefühle ist, Zitate aus dem Text am Telefon vorzulesen. Es gibt einen alten Spruch, der die Grenze zwischen Journalismus und Werbung beschreibt: Nachrichten sind nur das, was andere nicht gedruckt sehen wollen. Der Rest ist bloß Werbung.

Lässt man diese Abwägung mal außen vor, fallen mir bei vielen Blogs doch durchaus Dinge auf, die sie von Journalisten übernehmen könnten, ohne ihre Reichweite zu gefährden. Das fängt schon bei ganz grundlegenden stilistischen Dingen an.
 

  • Rechtschreibung: Im Ernst, es ist wichtig. Es gibt einen Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“; Potenzial schreibt man halt mit „z“ (empfohlen) und seit 1998 nicht mehr mit „t“. Wer bei „Potenzial“ am „t“ festhält, outet sich als Ahnungsloser, als Marotten-Liebhaber oder als Ewig-Gestriger. Meine Meinung. Auch Vertipper haben in einem Text nichts zu suchen, bei manchen Blogs gewinne ich den Eindruck, dass sie nicht mal die automatische Rechtschreibkorrektur bemühen.
  • Stil: Schachtelsätze über zehn Zeilen, bei denen das Verb erst am Ende des Satzes kommt? Sind im Journalismus verboten, die Ausnahme bildet auch hier vielleicht das Feuilleton der FAZ, aber das ist auch eine Marotte – die FAZ-Leser genießen das, der Rest der Welt eher nicht.
  • Nicht-zum-Punkt-kommen: In jedem Text will ich immer sofort wissen, worum es geht. Der Autor darf nicht mit meiner Zeit spielen. Beispiel: „Coole Antimaterie-Wissenschaftler schaffen Meilenstein“. Worum soll es da gehen? (Quelle) Um Energiegewinnung? Um Schwarze Löcher? Und warum sind die Wissenschaftler „cool“? Schon klar, es ist eine bunte Meldung aus der Wissenschaft, aber ich würde doch gerne genauer wissen, worum es geht. Clickbait zum Beispiel sagt nie ganz genau, worum es geht, und deshalb macht es neugierig – und enttäuscht genau so oft. Jedenfalls die Nutzer, die einen höheren Anspruch haben als die BILD-Leser.
  • Keine Quellen nennen: Woher stammt das Zitat? Woher die Nachricht? Je mehr voneinander unabhängige Quellen eine Aussage bestätigen, desto besser – ganz einfach, weil niemand immer persönlich am Schauplatz der berichtenswerten Fakten gewesen sein kann. Und wenn eine obskure Umweltschutzorganisation aus Kleinkleckersdorf mit gerade mal zehn Mitgliedern etwas behauptet, hat es einfach ein geringeres Gewicht, als wenn Greenpeace dieselbe Behauptung aufstellt. Viele Blogger schreiben aus persönlicher Betroffenheit und verallgemeinern, wie auch viele Social Media Accounts. Journalisten müssen mit Quellen und Zahlen die Relevanz ihrer Themen belegen.
  • Bewertungen: Klar, es ist Teil des Geschäftsmodells für Blogger, die Sichtweise ihrer Zielgruppe zu bestätigen. Aber es ist aus meiner Sicht einfach zu plump, Schlagzeilen mit Formulierungen wie „Richtig tolle Nachrichten!“ beginnen zu lassen. Das macht nicht mal BILD. (Quelle)
  • Wie funktioniert Twitter als Recherche-Tool für PR und Journalismus?

    Aus journalistischer Sicht ist Twitter immer eine gute Quelle für Themen-Ideen. Auch zum Herstellen eines Kontaktes zu Experten, Betroffenen oder zu Multiplikatoren lässt Twitter sich hervorragend nutzen. Nicht nur, weil man die Leute da überhaupt erst mal findet, sondern weil man sich über Twitter in der Regel auch das Vorbeikämpfen am Vorzimmerdrachen spart. Das ist wirklich sehr erleichternd, und auch die Themensuche gestaltet sich über Twitter leichter als beim Durchwühlen staubiger Papier-Archive.

    Von Twitter selbst zu zitieren ist dagegen ein zweischneidiges Schwert. Nehmen wir an, ein Journalist zitiert einen heiklen Tweet zu einem kontroversen Thema. Das kann man machen, wenn es etwa um Stimmen von Betroffenen geht. Wenn aber jemand mit einem Tweet an dem Ast sägt, auf dem er selber sitzt, muss man demjenigen noch Gelegenheit geben, sich zu erklären – im Zweifelsfall muss ein Journalist seine Quellen auch vor diesen selbst schützen. Also Quellen etwa per Twitter kontaktieren, sich als Journalist zu erkennen geben und sagen, für welches Medium man schreibt – und dann fragen, wie der Tweet eigentlich wirklich gemeint war. Das ist die Sorgfaltspflicht, zu der auch der Presse-Kodex aufruft.

    Für PR funktioniert Twitter ähnlich, wobei hier oft zusätzlich wirtschaftliche Motive ins Spiel kommen und die Vorgehensweise beeinflussen. Beispielsweise, wenn in einem PR-Text Tweets zitiert werden, die nicht ganz zur Sache passen, aber halt vom Kooperationspartner stammen. In der PR wird auch grundsätzlich weniger recherchiert, allenfalls noch im eigenen Unternehmen, das ist jedenfalls mein Eindruck. Allerdings lassen sich über Twitter gut potenzielle Kooperationspartner finden und auch ansprechen, das ist wirklich ein enormer Vorteil von Social Media.

    Verwischen heute die klassischen Grenzen zwischen Marketing, PR und Pressearbeit?

    Ich habe PR oder Pressearbeit nie gelernt, ich war immer auf der anderen Seite des Schreibtisches. Von daher weiß ich nicht ganz genau, wie ein Profi hier die Grenzen ziehen würde. In meiner täglichen Arbeit fällt mir jedoch auf, dass das Thema „Marketing“ aktuell in eine bestimmte Richtung geht – und zwar in Richtung Content-Marketing. Für PR-Profis klingt das zunächst mal nach einem alten Hut, aber von journalistischer Seite ist es das nicht. Ich kriege immer noch viele, viele Pressemitteilungen auf den Tisch, die klingen, als hätte sie ein mäßig gelaunter städtischer Bediensteter in den 70er-Jahren formuliert. Klar, für Marketing-Profis ist Content-Marketing ein großes Ding, und das schon seit Jahren. Aber viele kleine und mittlere Unternehmen, aber auch Konzerne, NGOs oder auch Wissenschaftler schreiben ihre PR-Mitteilungen immer noch oft sehr steif, und manchmal leider auch an der Sache vorbei. Das darf man vielen Fachleuten allerdings auch nicht vorwerfen. Wer jahrelang Architektur oder Rechtswissenschaften betrieben hat, hat halt einfach keinen journalistischen Blick und keine journalistische Praxis, und das ist auch okay so. Bloß sollten diese Fachleute sich dann für ihre Kommunikation auch Experten heranholen, ob das freie Journalisten oder PR-Profis sind.

    Hinzu kommt: Selbst große Marketing- oder Presse-Mitteilungen machen immer denselben Fehler. Sie berichten aus der Innensicht. Setzen voraus, dass der Empfänger die internen Prozesse kennt. Viele beschreiben beispielsweise den Prozess, den ein Kunde bei ihnen durchläuft. Oder preisen die aktuelle technische Neuentwicklung an – statt den Nutzen dahinter zu zeigen. Beispiel: Ich kaufe keine Küche, ich kaufe einen unvergesslichen Abend mit Freunden. Ich berate gelegentlich kleine und mittlere Unternehmen in ihrer Pressearbeit. Ganz viele sind regelrecht geplättet, wenn ich ihnen beschreibe, wie viele Mitteilungen Journalisten täglich auf den Tisch kriegen und wie schnell sie diese aussortieren – und warum ihre Marketing-Informationen da überhaupt keine Chance hat.

    Aber zurück zur Frage. Meiner Meinung nach sind Pressearbeit und PR ein Teil vom Marketing, weil beides einfach an einer ähnlichen Stelle in der Customer Journey ansetzt. Das Marketing produziert Leads und gibt diese an den Vertrieb weiter. PR und Pressearbeit sind also Teil des Marketings und richten sich an eine wie auch immer definierte Öffentlichkeit. Fest steht, dass gute Geschichten im Journalismus immer zählen. Viele Unternehmen haben auch gute bis sehr gute Geschichten zu erzählen, doch selbst gestandene Marketing-Profis erkennen diese oft nicht – oder wollen partout eine andere Story erzählen, bei der die Journalisten dann abwinken. Das ist dann oft auch unfreiwillig sehr humorig.

    Pressearbeit 4.0: Was erwarten Journalisten heute von Marketing- und PR-Abteilungen?

    Zwei Dinge: Erstens eine sehr gute Story – nicht nur mit hohem Nachrichtenwert, sondern auch mit hoher Relevanz für die Leser. Zweitens eine klare Aussage. Marketing- und PR-Abteilungen müssen also die richtige Story aus ihrem Unternehmen ausgraben und diese dann auch noch klar verständlich kommunizieren. Also keine Nachrichten, die nur intern interessant sind. Und keine Texte, die eine halbe Seite A4 herumeiern, bevor kurz vor Schluss die eigentliche Nachricht kommt.

    Sind diese beiden Punkte erfüllt, können sich Marketing- und PR-Abteilung viele andere Dinge sparen: Lobhudelei, exaltierte Formulierungen, Gejubel, Anbiederei, Werbegeschenke und den (aus meiner Sicht) total überschätzten persönlichen Kontakt. Ein Journalist muss seine Story oder sein Thema immer vor einer ganzen Redaktion verteidigen, und da zählt der persönliche Kontakt zum Marketing-Profi eben nicht mehr. Ist eine Pressemitteilung klar strukturiert und kommt diese sehr schnell zum Punkt, ist schon viel gewonnen. Natürlich muss die Nachricht selbst auch von Interesse sein, also möglichst viele Menschen betreffen beispielsweise oder eine hohe Wirkung haben. Für Interessierte: Hier gibt’s mehr über journalistische Qualitätskriterien zu lesen.

    Presseschau 4.0: Wie organisiert ein Profi seine digitalen Quellen, ohne in der Content-Flut unterzugehen?

    Zunächst mal durch Sortieren – automatische Filter sortieren in meinem E-Mail-Client die einkommenden Nachrichten in die entsprechenden Ordner. Und dann natürlich durch die „Entfernen“-Taste. In einer Redaktion mit Zugang zu Presseagenturen gibt es häufig einen Redakteur, der die Gesamtlage im Blick behält, über alle Ressorts. Zumindest hatten wir so jemanden früher bei der Westfälischen Rundschau. Derjenige liest den ganzen Tag die Agenturmeldungen – und zwar alle. „Liest“ bedeutet hier: Er (oder sie natürlich) scannt die Überschriften und bei Bedarf die Zusammenfassung. Anschließend geht er zur nächsten Nachricht über, per Tastendruck, oder er merkt sich die Inhalte. Täglich kommen in einer Zeitungs-Mantelredaktion Zehntausende Bilder und Nachrichten rein. Die wollen alle gescannt werden. Alle. Also wird die Taste „nächste Nachricht“ zur wichtigsten Taste. Bei mir ist das dann die „Entfernen“-Taste, weil ich die E-Mails lösche, die nicht zu meiner Arbeit, den aktuellen Projekten oder meinen Interessen beziehungsweise Kenntnisgebieten passen. Mit ein bisschen Übung kann ein Journalist sehr schnell auch Tausende Nachrichten und Fotos scannen und sortieren.

    Das ist aber nur die eine Seite, die automatisch eintreffenden Nachrichten. Es gibt ja auch noch Social Media, Blogs und Nachrichtenportale. Die steuere ich ganz gezielt zu den jeweiligen Projekten an, oder auch zur Themensuche. Dafür gibt es im Browser ja die Lesezeichen-Leiste, und statt den Homepages der Blogs selbst bookmarke ich die RSS-Feeds, so habe ich die aktuellen Schlagzeilen der Blogs beispielsweise direkt in der Browser-Lesezeichen-Leiste, ohne die Blogs ansteuern zu müssen. Das ist vor allem insofern interessant, als dass ich über die Leiste nur die nackte Schlagzeile bekomme, ohne große Bilderflut und Anzeigenschwemme. Und auch so gut wie ohne Ladezeit. Das ist hilfreich, denn meine tägliche Aufmerksamkeit ist begrenzt.


    Freier Journalist Tim MüßleTim Müßle ist Jahrgang 1974 und Freier Journalist (Diplom). Er arbeitet seit den 90er-Jahren als Redakteur, unter anderem für Zeitschriften wie BODO oder Coolibri sowie für viele Tageszeitungsredaktionen (u.a. verschiedene Mantel- und Lokalredaktionen der Westfälischen Rundschau). Er berät in Sachen PR, Newsletter und Pressearbeit sowie zu den Themen journalistisches Schreiben und Storytelling (Unternehmen, NGO, Agenturen).